Menü

Quintessenz

  • Konsequenter Wärmeschutz sowie optimiertes Verhältnis zwischen opaken und transparenten Fassadenbereichen.
  • Gebäudeform und Atrien ermöglichen viel Tageslicht
  • Gebäude nutzt Erdreichwärme über Gründungspfähle kombiniert mit Wärmepumpen
  • Nahwärme aus BHKW dient zur Spitzenlastabdeckung und zur Trinkwassererwärmung
  • Nutzerbeteiligung über Interaktionssystem, um Möglichkeiten zur Einsparung sowie Komfortverbesserung zu identifizieren
  • 2014 erhielt das Gebäude das Zertifikat in Gold der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB)

Der 2013 fertiggestellte Neubau der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt ist Bestandteil der Internationalen Bauausstellung Hamburg (IBA). Der Gebäudekomplex soll beispielhaft energieeffizient, nachhaltig und zugleich kostengünstig sein. Ein sehr kompakter Baukörper mit exzellentem Wärme- und Sonnenschutz bei optimierter Transparenz der Fassade soll einen Primärenergiebedarf von jährlich nur knapp 60 Kilowattstunden pro Quadratmeter ermöglichen. Das Gebäude wird derzeit einem wissenschaftlichen Monitoring unterzogen.

Projektkontext

Der Gebäudeentwurf geht aus einem Wettbewerbsverfahren hervor, den die Hamburger Sprinkenhof GmbH als Bauherr in Kooperation mit der IBA Hamburg GmbH ausgelobt hatte. Das Grundstück liegt in Hamburg-Wilhelmsburg und ist zentraler Bestandteil der „Neuen Mitte Wilhelmsburg“, die auf der Grundlage des „Masterplan Neue Mitte Wilhelmsburg 2013plus“ entstanden ist. Die Sprinkenhof GmbH hat im Anschluss an das Wettbewerbsverfahren als städtischer Dienstleister die Realisierung des Projekts übernommen. Planungspartner waren die aus dem Wettbewerbsverfahren als Sieger hervorgegangene Arbeitsgemeinschaft Sauerbruch Hutton Architekten aus Berlin und die Innius RR GmbH aus Rosbach (ehemals R+R Reuter Rührgartner Planungsgesellschaft für Gebäudetechnik mbH) für die Planungsphasen bis zur Baugenehmigung sowie die Ingenieurgesellschaft Obermeyer Planen + Beraten GmbH für die Realisierung der Planung.

Forschungsfokus

Der Neubau wird in den ersten Jahren nach Inbetriebnahme einem wissenschaftlichen Intensivmonitoring unterzogen. Eine Überprüfung der energetischen Kriterien sowie die Ausarbeitung eines Optimierungskonzepts sind wesentliche Ziele des wissenschaftlichen Monitorings. Mit den parallel laufenden Versuchen an einer Demonstrationsanlage am Institut für Thermofluiddynamik und Technische Thermodynamik an der TU Hamburg-Harburg können zudem Konzepte zur bedarfsorientierten Klimatisierung entwickelt und bei vorliegender Entwicklungsreife auf den Neubau übertragen werden. Mit einer Modellierung des Gebäudeenergiesystems können anhand realer Messdaten der Einfluss unterschiedlicher Bilanzgrenzen auf die Energie- und Emissionskennwerte bewertet werden.

Ein vom Büro solidar Planungswerkstatt in Berlin bearbeitetes Teilprojekt ist die Entwicklung eines Teilmoduls für ein Nutzerinteraktionssystem „Energie & Komfort“. Im Zusammenspiel mit den Gebäudenutzern sollen Energiekosteneinsparpotenziale sowie Komfortverbesserungen im Gebäudebetrieb identifiziert und allein auf Basis nicht-investiver Maßnahmen umgesetzt werden.

Konzept

Gebäudekonzept

Auf insgesamt fast 200 Meter Länge schlängelt sich das Gebäude durch den neuen Stadtteil und will dabei mit seiner fast organischen Form und den auffälligen Farben den Aufbruch im Hamburger Süden symbolisieren. Zugleich ist der 2013 fertig gestellte Neubau das größte Hochbauprojekt der IBA Hamburg! Mit dreizehn Geschossen ragt der Hauptturm des geschwungenen Neubaus 54 Meter in die Höhe. Wellenförmig gehen von ihm zwei fünfgeschossige Flügelbauten ab. Auf den dunklen Aluminium-Elementen der Fassade sind bunte Bänder aus lasierten Keramikpaneelen befestigt: Die zwanzig verschiedenen Farben verleihen dem Gebäude eine auffallende Patchwork-Ästhetik. Zugleich verfügen Fassade und Verglasung über einen sehr guten Wärmeschutz.

Auf einem geradlinigen Sockel, der die Kante entlang der Neuenfelder Straße definiert, sitzt ein geschwungener Baukörper, der durch seine fließende Formensprache und Farbigkeit auffällt. Die Rhythmisierung der einzelnen Häuser auf dem Sockel setzt sich in der Innengestaltung durch lichtdurchflutete Atrien in jedem Bauteil fort. Die Atrien bilden die Zentren in jedem der sieben „Häuser“, aus denen die langgestreckten Flachbauten bestehen, und funktionieren als zentrale, alle Bürogeschosse verbindende Räume. Sie gliedern die großen Bürobereiche und dienen der Belichtung der Erschließungsflächen. Durch die geschwungene Gebäudekontur ergibt sich eine Abfolge unterschiedlicher Raumsituationen, in der die weiten, tagesbelichteten Atrien mit den begrenzteren, innen liegenden Fluren alternieren. Jedem Atrium ist ein zentraler Kern zugeordnet, der Treppe, Aufzug und Nebennutzungen (Sanitärräume, Technikräume, Lager, Archive) enthält. Flure und Kerne werden durch eine farbliche Gestaltung weiter differenziert. Um Kern und Atrium liegen die Büroräume. Zweiachsige Einzelraumbüros haben in der Regel eine Breite von 2,5 Metern und eine Tiefe von 5,1 Metern.

Der Westflügel des Gebäudes am südlichen Vorplatz an der Neuenfelder Straße

© Sprinkenhof GmbH. Foto: Franziska Glück

Lageplan mit Darstellung der Außenanlagen

© schaper+steffen+runtsch Landschaftsarchitekten

Weitere Abbildungen

Die in großen Wellen verlaufende Fassade besteht zu großen Teilen aus vorgehängten Aluminiumelementen mit darauf aufgebrachten farbigen Keramikplatten

© Sprinkenhof GmbH. Foto: Franziska Glück

Die vielfältigen Farben der Keramikelemente bewegen sich im Spektrum von Rot-Gelb-Farbtönen am Turm bis hin zu Blau-Grün-Violett an den Enden der Gebäudeflügel.

© Sprinkenhof GmbH. Foto: Franziska Glück

Erste Skizze des Gebäudeensembles

© sauerbruch hutton

Grundriss eines typischen Teilgebäudes. Die 5-geschossigen Seitenflügel haben jeweils innenliegende, zentrale Technik-Kerne sowie ein Atrium und außen liegenden Büroräumen

© sauerbruch hutton

Westflügel in Schnittdarstellung

© Obermeyer Planen + Beraten GmbH

Westflügel im Längsschnitt

© Obermeyer Planen + Beraten GmbH

Innenansicht in einem Seitenflügel mit holzverkleideter Brüstung sowie Wendeltreppe

© Obermeyer Planen + Beraten GmbH. Foto: Axel Hupfeld

In jedem Teilgebäude gibt es ein Atrium im Innenbereich

© Sprinkenhof GmbH. Foto: Franziska Glück

Energiekonzept

Die Gebäudehülle verfügt über einen konsequenten Wärmeschutz sowie über ein optimiertes Verhältnis zwischen opaken und transparenten Bereichen. In Verbindung mit der Gebäudeform und den Atrien kann viel Tageslicht genutzt werden. Ein außen liegender Sonnenschutz, das differenzierte Be- und Entlüftungskonzept mit der Option zur Nachtkühlung über Lüftungsklappen in der Fassade, sowie die Heizung und freie Kühlung über thermisch aktivierte Decken sollen in Verbindung mit der effizienten Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlagen für einen hohen Raumkomfort bei geringem Energiebedarf sorgen. Neben den baulichen und haustechnischen Komponenten setzt das Energiekonzept auch auf die aktive Beteiligung der Nutzer, um das Energieeinsparungspotenzial des Gebäudes möglichst weitgehend zu erschließen.

Ein wesentlicher Bestandteil des Versorgungskonzeptes ist die Nutzung der auf dem Baugrundstück vorhandenen regenerativen Erdreichwärme über Energiepfähle im Gründungsbereich des Gebäudes und Wärmepumpen. Die zum Betrieb der Wärmepumpen notwendige Elektroenergie wird über das allgemeine Stromnetz gemäß den Lieferverträgen der Stadt Hamburg als Ökostrom bezogen. Zur Abdeckung von Bedarfsspitzen und für die Trinkwassererwärmung wird Nahwärme aus erneuerbarer Kraft-Wärme-Kopplung von dem städtischen Energieversorger Hamburg Energie GmbH bereitgestellt.

Energiekonzept in schematischer Darstellung. Die gebäudebezogenen energietechnischen Anlagen befinden sich innerhalb der „Systemgrenze BSU“.

© sauerbruch hutton

Energieströme in schematischer Darstellung

© TU Hamburg-Harburg. Foto: Kristian Duus

Weitere Abbildungen

Beleuchtungskonzept für den Büro- und Flurbereich in schematischer Darstellung

© sauerbruch hutton

Lüftungskonzept für den Sommerbetrieb in schematischer Darstellung

© sauerbruch hutton

Lüftungskonzept für den Winterbetrieb in schematischer Darstellung

© sauerbruch hutton

Blick von oben in die Heizzentrale mit den Vor- und Rücklaufleitungen der einzelnen Heizkreise für das Hochhaus

© TU Hamburg-Harburg. Foto: Kristian Duus

Die zentrale Lüftungsanlage für das Hochhaus erreicht einen Nominal-Zuluftvolumenstrom von etwa 32.000 Kubikmeter pro Stunde.

© TU Hamburg-Harburg. Foto: Kristian Duus

Zwei elektrisch angetriebene Sole/Wasser-Wärmepumpen sorgen über die Betonkerntemperierung im Winter für Wärme und unterstützen im Sommer die Gebäudekühlung. Auf eine ergänzende Heizung wird verzichtet.

© TU Hamburg-Harburg. Foto: Kristian Duus

Auszeichnung

Dem Gebäude wurde das GOLD-Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB) in der Kategorie Neubau mit einem Erfüllungsgrad von 80,6% verliehen.

Der Neubau der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt erhielt im Juli 2014 das Zertifikat in Gold der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB).

© DGNB

Projektkenndaten

Gebäudekenndaten

Konstellation: Who is who?  
Bauherr, Investor GGV Grundstücksgesellschaft Verwaltungsgebäude Neuenfelder Straße mbH, eine Tochtergesellschaft der Sprinkenhof AG
Betreiber Sprinkenhof AG
Nutzer Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt sowie Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung
   
Gebäudetyp Verwaltungsgebäude
   
Fertigstellung 04.2013
Inbetriebnahme 06.2013
   
Flächengrößen/Maße  
Bruttogrundfläche (nach DIN 277) 60.089 m²
Beheizte Nettogrundfläche (für Nichtwohngebäude, in Anlehnung an DIN 277) 46.557 m²
Bruttorauminhalt 234.485 m³
Arbeitsplätze (oder Schüler oder vergleichbare Personenangaben) 1.444 Personen
Nutzfläche AN (nach EnEV) 40.058 m²
A/V-Verhältnis (ggf. vor / nach Sanierung) 0,26 m²/m³

Energiekenndaten

Energiekennwerte Bedarf        
Neubau / nach … vor Sanierung  
Heizwärmebedarf (Nutzenergiebedarf Wärme) 45,90 kWh/m²a  
Primärenergie Wärme 27,10 kWh/m²a  
Primärenergie Gesamt 58,20 kWh/m²a  

Kostenkenndaten

Baukosten bzw. Sanierungskosten    
Kosten für die (Sanierung der) Baukonstruktion [KG 300] 1.108 EUR/m²
Kosten für die (Sanierung der) Technischen Anlagen [KG 400] 318 EUR/m²

Letzte Aktualisierung: 28. März 2017

Thematisch verwandte Publikationen

Thematisch verwandte Projekte

Energetische Sanierung einer Plattenbau-Typenschule
Gebäude

Passivhaus-Standard

Energetische Sanierung einer Plattenbau-Typenschule

Die zweiflügelige Typenschule in Plattenbauweise mit Aula und Turnhalle stammt aus 1974. Das Sanierungsprojekt versteht sich als Vorbild für andere Schulen, denn der…

Gebäude

Mehr erfahren